Die Messe ist schon ein paar Tage her, aber immer noch Brandaktuell. Nach 35 Jahren in dieser Branche ist die WindEnergy Hamburg für mich so etwas wie eine heimliche Wohnstube geworden.
Das klingt ungewöhnlich für eine internationale Fachmesse mit zehntausenden Besuchern. Es passt trotzdem. Wenige Minuten nach dem Betreten der Hallen sehe ich bekannte Gesichter. Kunden. Kandidaten. Wegbegleiter aus vielen Jahren.
Man bleibt stehen. Man spricht miteinander. Man führt Gespräche dort weiter, wo man sie vor zwei Jahren unterbrochen hat.
Wenn man eine Branche über Jahrzehnte begleitet, kennt man irgendwann nicht nur Unternehmen. Man kennt Menschen und ihre Geschichten. Man erinnert sich daran, wo jemand vor fünfzehn Jahren gearbeitet hat. Man hat einen Kandidaten bei einem Karriereschritt begleitet und trifft ihn Jahre später in einer ganz anderen Verantwortung wieder. Aus Kontakten werden Kunden. Aus Kandidaten werden Entscheider.
Diese Tiefe hat einen praktischen Wert. Sie erlaubt es, Veränderungen in der Branche früh wahrzunehmen, lange bevor sie in Berichten auftauchen.
Und 2026 habe ich eine Veränderung wahrgenommen, die es wert ist, aufgeschrieben zu werden.
Die Branche hat einen Reifeschritt gemacht
Lange war die zentrale Frage dieser Branche klar: Wie bauen wir mehr Windleistung?
2026 hat sich diese Frage deutlich erweitert. Die Branche denkt inzwischen in Systemen.
Erzeugung. Speicherung. Netze. Steuerung. Verbrauch.
Das deutlichste Symbol stand in Halle A2. Zum ersten Mal erhielten Batteriespeicher eine eigene Halle, rund 3.600 Quadratmeter mit Großbatteriesystemen, Energiemanagement und Netzintegrationstechnologie. Das ist das erste Mal, dass Energiespeicherung auf der weltgrößten Windenergiemesse einen eigenen Ausstellungsbereich bekommt.
Das ist ein echter Paradigmenwechsel.
Die Turbine bleibt zentral. Daneben stehen jetzt Speicher, Software, Energiemanagement und Netzlösungen mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit. Die Branche hat verstanden, dass mehr erneuerbare Erzeugung allein noch kein funktionierendes Energiesystem ergibt. Die nächste Phase macht diese Erzeugung verfügbar, steuerbar und wirtschaftlich nutzbar.
Wenn ich durch diese Hallen gehe, sehe ich enorme technologische Bewegung und echten unternehmerischen Gestaltungswillen.
Und eine Frage, die mich durch die ganze Messe begleitet hat.
Wie belastbar ist der Rahmen?
Die Unternehmen in diesen Hallen entwickeln sehr konkrete Antworten. Neue Anlagen. Speicher. Digitalisierung. Netzintegration. Neue Betriebsmodelle.
Die offene Frage liegt auf einer anderen Ebene: Wie belastbar ist der Rahmen, in dem das alles umgesetzt werden soll?
Welche Ausbaupfade haben Bestand? Wie entwickeln wir die Netze? Welche Bedingungen gelten in fünf oder zehn Jahren? Wo können Unternehmen investieren und darauf vertrauen, dass diese Entscheidungen ein Jahr später politisch nicht wieder grundsätzlich infrage gestellt werden?
Für ein Unternehmen ist es noch relativ handhabbar, mit einer politischen Entscheidung zu arbeiten, die ihm nicht gefällt. Was sehr viel schwieriger ist, ist permanente Unklarheit.
Eine Messe kann Aufbruch zeigen.
Investitionen entstehen aus Planungssicherheit.
Meine Kernthese: Politische Planbarkeit ist auch eine Personalfrage
Wenn dieses Thema diskutiert wird, sprechen die meisten über Ausschreibungsdesign, Netzausbau und Investitionsbedingungen. Diese Diskussionen sind wichtig.
Als Personalberater sehe ich eine zusätzliche Ebene: was diese Unsicherheit mit Menschen macht.
Die Wirkungskette läuft so:
Politische Unsicherheit wird zur Investitionsunsicherheit. Investitionsunsicherheit wird zur Personalunsicherheit. Und Personalunsicherheit wird irgendwann zum Umsetzungsproblem.
Der Mechanismus ist folgender: Wenn Unternehmen Personalentscheidungen verschieben, weil der Rahmen instabil wirkt, treffen erfahrene Führungskräfte ihre eigenen Entscheidungen. Sie wechseln in andere Unternehmen. Andere Technologien. Andere Märkte. Wenn die Projekte dann doch kommen, fehlen genau die Menschen, die sie umsetzen sollten.
Talente warten nicht.
Das ist in der eigenen Geschichte dieser Branche schmerzhaft dokumentiert. Die deutsche Windindustrie verlor zwischen 2017 und 2021 rund 35.000 bis 40.000 Arbeitsplätze, etwa ein Fünftel der Belegschaft, getrieben durch politische Unsicherheit, Ausschreibungsprobleme und langwierige Genehmigungsverfahren. Die Technologie war da. Die Nachfrage war da. Der Rahmen war instabil, und die Menschen sind gegangen.
Die heutigen Zahlen verschärfen den Punkt. Die globale Windbranche muss ihre Belegschaft bis 2030 um rund 50 Prozent aufstocken. Allein für Techniker werden 628.000 neue Fachkräfte benötigt. Der Aufbau einer solchen Personalkapazität dauert bis zu einem Jahrzehnt. Verzögerungen beim Einstellen heute erzeugen Defizite, die jahrelang nachwirken.
Und selbst unter günstigen Bedingungen sind die Grenzen der Geschwindigkeit klar. Offene Stellen in der Energietechnik benötigen im Durchschnitt bereits 112 Tage zur Besetzung. Mehr als drei Monate, für finanzierte Positionen, in einem funktionierenden Markt.
Wer ein Unternehmen in diesem Sektor führt, kennt dieses Muster aus eigenen Planungsgesprächen. Ein Projekt lässt sich verschieben. Eine Ausschreibung lässt sich verändern. Personalstrukturen reagieren nach einem anderen Takt. Man kann die Personalentscheidung nicht achtzehn Monate pausieren und erwarten, dass die richtigen Führungskräfte danach wieder auf dem Markt bereitstehen.
Führungskräfte bauen Karrieren auf. Spezialisten entwickeln sich weiter. Teams entstehen. Know-how wandert.
Gleichzeitig konkurrieren Rechenzentren, KI und Batteriespeicher um dieselben technischen Talente, und Sektoren, die Stabilität bieten, gewinnen diese Entscheidungen.
Deshalb sage ich: Politische Planbarkeit ist auch eine Personalfrage.
Die Stimmung in den Hallen: Angespannter Gestaltungswille
Ich möchte hier präzise sein, weil dieser Teil leicht missverstanden wird.
Die WindEnergy 2026 war keine Krisenmesse. Sie war auch keine euphorische Aufbruchveranstaltung.
Ich habe Menschen getroffen, die mit großer Überzeugung über neue Projekte, Batteriespeicher, Netzintegration und weiteres Wachstum gesprochen haben. Die Bereitschaft, etwas zu bauen, war deutlich spürbar. Daneben lief eine wiederkehrende Unruhe, sobald Gespräche auf den politischen Rahmen der kommenden Jahre kamen.
Ich würde die Stimmung als angespannten Gestaltungswillen bezeichnen.
Die Branche zweifelt nicht an der Windenergie. Sie zweifelt an der Planbarkeit.
Die Branche kann sehr viel. Sie will sehr viel. Sie möchte zunehmend genauer wissen, auf welcher Grundlage sie investieren soll.
Das ist eine gesunde Frage. Sie verdient eine verlässliche Antwort.
Eine Selbstkorrektur zur Politik
Ich muss mich hier selbst korrigieren, und das halte ich für wichtig.
Mein erster Eindruck auf der Messe war eine Frage: Wo ist eigentlich die Politik? Bei genauer Prüfung war dieser Eindruck unscharf. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher hat die WindEnergy Hamburg eröffnet. Politik war ausdrücklich im Eröffnungs- und Konferenzprogramm vertreten.
Der ehrliche Befund ist also ein anderer als mein erster Instinkt.
Die präzisere Frage betrifft nicht die Anwesenheit, sondern die Qualität: War das politische Signal so verbindlich wie der unternehmerische Gestaltungswille in den Hallen?
Aus meinen Gesprächen bleibt diese Frage offen. Die Unternehmen kamen mit konkreten Plänen, konkreter Technologie und konkreten Investitionsabsichten. Ein politisches Signal gleichen Gewichts würde stabile Ausbaupfade, Netzzeitreihen und Bedingungen benennen, die für ein Jahrzehnt Bestand haben.
Die Lücke, die ich wahrgenommen habe, war fehlende Verbindlichkeit, gemessen an dem, was die Branche sichtbar mitgebracht hat.
Diese Lücke bereitet mir mehr Sorgen als jedes einzelne schlechte Quartal. Ich habe tiefere operative Krisen in dieser Branche erlebt. Ein wiederholtes Stop-and-Go erodiert etwas Langsameres und Wertvolleres: die Bereitschaft erfahrener Menschen, ihre Karriere auf diesen Sektor zu setzen.
Was ich 2028 hören möchte
In zwei Jahren werde ich wieder durch diese Hallen gehen. Die Veränderung, die ich mir erhoffe, wird in den Gesprächen sichtbar sein, lange bevor sie in irgendeiner Statistik auftaucht.
Heute höre ich am häufigsten Fragen wie diese:
- Was wird politisch passieren?
- Was können wir wirklich investieren?
- Bauen wir das Team jetzt auf oder warten wir noch?
2028 möchte ich andere Fragen hören:
- Das Projekt steht. Das Mandat ist klar. Jetzt brauchen wir die richtigen Menschen.
- Wir bauen den Speicherbereich auf. Welche Kompetenzen fehlen uns?
- Unser Netzanschluss ist geklärt. Wie skalieren wir die Organisation?
- Unsere Pipeline ist für die nächsten Jahre gesichert. Wie entwickeln wir die zweite Führungsebene?
Für einen Personalberater ist der Unterschied zwischen diesen beiden Fragensätzen enorm. Wenn ein Geschäftsführer sagt: „Wir wissen, wo wir hinwollen. Jetzt brauchen wir den Menschen, der es mit uns umsetzt", dann beginnt echte Suche. Wenn das Projekt selbst noch unter Vorbehalt steht, beginnt die Arbeit mit Unsicherheitsmanagement.
Ich möchte auch, dass Kandidaten auf dieser Messe zuerst nach der Rolle, dem Team und dem Auftrag fragen, bevor sie fragen müssen, wie politisch gesichert die Grundlage einer Position eigentlich ist. Eine Führungskraft sollte einschätzen können, ob ein Unternehmen einen belastbaren Weg hat. Gespräche über Gestaltung tragen mehr Energie als Gespräche über Absicherung.
Mein Wunsch für 2028 ist deshalb bescheiden und konkret.
Ich möchte weniger Gespräche über das Ob und mehr Gespräche über das Wie hören.
Weniger: Mal sehen, was kommt.
Mehr: Das ist unser Plan. Jetzt setzen wir ihn um.
Die Branche muss 2028 nicht optimistischer sein als heute. Sie muss planbarer handeln können.
Denn am Ende bauen keine Unternehmen Windparks.
Menschen tun es.
Menschen entwickeln Projekte, treffen Investitionsentscheidungen, kämpfen durch Genehmigungsverfahren, führen Teams und übernehmen Verantwortung.
Gebt diesen Menschen einen verbindlichen Rahmen, und diese Branche wird liefern.
